Presseinformation

Jugendliche diskutieren mit Thierse

Das Ziel: Dialog zwischen Jugend und Politik

Am Freitag, dem 26. Mai 2000, ab 12.00 Uhr, wird Bundestagspräsident Wolfgang Thierse mit Jugendlichen in der Gabriele-von-Bülow-Oberschule, Tile-Brügge-Weg 63, Berlin-Tegel, über das Thema "Politikverdrossenheit der Jugend oder Jugendverdrossenheit der Politik" diskutieren.

Anlass ist die Aktion vom 10. Mai 2000 unter dem Motto "Jugendliche klingeln am Reichstag". Dort übergaben Jugendliche Herrn Thierse einen Katalog mit kritischen Fragen.

Verantwortlich für das Projekt ist der Kumulus e.V. In der Absicht, einen Dialog zwischen Jugend und Politik anzuregen, will der Verein wissen, wieweit sich Politiker auf die Vorstellungen, Befindlichkeiten und Befürchtungen der Jugendlichen einzulassen bereit sind, wieweit Anstöße von unten oben aufgenommen werden, wieweit Jugendliche Antworten auf kritische Fragen erhalten.

Dafür führte der Verein Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern der Gabriele-von- Bülow-Oberschule in Reinickendorf und der Dathe-Oberschule in Friedrichshain.


Beispielfragen:

Warum gibt es in der Politik keine Jugendquote?
Jenny 17 Jahre

DDR abgeschafft? Wie kann es sein, dass unsere Atlanten von 1987 sind?
Julia 17 Jahre

Haben Politiker eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft?
Lothar 18 Jahre

Warum gibt es nach zehn Jahren deutscher Einheit immer noch keine Lohnangleichung?
Pascal 18 Jahre

Kiep it cool! Mein Ehrenwort! Seid ihr ausgeKochten Baumeister ganz schön verWeyrauchte Zaunkönige?
Julia 19 Jahre

Warum sind Politiker nicht in der Lage, Fragen ehrlich zu beantworten?
Nadine 18 Jahre

Warum sind bei Bundestagssitzungen so viele Plätze frei?
Judith 18 Jahre


Bereits im November klingelten die Jugendlichen mit ihrem Katalog am Reichstag. Um ständig daran zu erinnern, dass sie für ihre Fragen auch „A“ wie Antworten erwarten, pflanzten die Jugendlichen anschließend bei Berlin auf ca. 2000 m2 ein großes „A“ mit Lärchen-Bäumen.

Der Kumulus e.V. setzt sich mit mehreren Projekten dafür ein, die Distanz zwischen Jugend und Politik zu verringern. Deshalb macht der Verein der Bundesregierung den Vorschlag, das Informationsforum „politik@school“ einzurichten.

Die Idee: Politik geht auf die Jugend zu. Politik geht in die Schule. Schüler stellen Fragen und erhalten Antworten. Das Internet ist dabei ein wesentlicher Bestandteil.

Das Ziel dieser Einrichtung ist, mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit für politische Entscheidungen anzubieten.

( bisherige Pressereaktionen )


Hintergrund
Mit diesem Projekt will der Kumulus e.V. verdeutlichen, dass kein Dialog zwischen Jugend und Politik vorhanden ist und das Problem nicht die Politikverdrossenheit der Jugend, sondern die Jugendverdrossenheit der Politik ist.

Das Klingeln im November mit anschließender "A"-Pflanzung sollte die Distanz zwischen Jugend und Politik symbolisieren.

Der entwickelte Fragenkatalog mit den allgemeinen Fragen an die Politik soll den Zeitgeist der Jugend in ihrem Denken gegenüber der Politik widerspiegeln. Der Katalog als Sprachrohr der Jugend.

Wer davon redet, dass die Jugend politikverdrossen ist, verkennt die Realität.

In zahlreichen Diskussionen erlebten wir Jugendliche, die sich über die Zukunft und den Zustand unserer Gesellschaft intensiv und emotional Gedanken machten.

Eines lässt sich aus den Diskussionen ebenfalls feststellen: Die große Distanz zwischen Jugend und Politikern. Der Unglaube, dass Politiker etwas verändern können und wollen. Die Ohnmacht des Einzelnen, etwas in dieser Gesellschaft verändern zu können.

"Es ist einfach blöd, dass die einzige Möglichkeit für Jugendliche, mit Politikern in Kontakt zu kommen, die ist, sich mit Parteiwerbung zumüllen zu lassen und dann für die zu entscheiden, die am wenigsten abstoßend ist. Wirkliche Eigenbeteiligung ist so nicht möglich. Man muss sich immer in ein Korsett des Parteiprogramms zwingen lassen, um seine Stimme hörbar machen zu können. Das ist doch keine lebendige Demokratie!"
Floriana 19 Jahre

"Wir verlangen, dass die Politiker die Grundlage dafür schaffen, dass Jugendliche die Möglichkeit haben, auf die Politik zuzugehen!"
Christine 19 Jahre

Viele Jahre, mit vielen Initiativen, Projekten und Anstrengungen sind notwendig, um die Distanz zwischen Jugend und Politik zu überwinden.

Voraussetzung ist der Wille zur Veränderung.

Der Vorschlag des Kumulus e.V. an die Bundesregierung ist die Informationseinrichtung politik@school. Politik geht der Jugend entgegen. Politik geht in die Schule. SchülerInnen stellen Fragen und erhalten Antworten. Integriert in einer Schulstunde pro Schuljahr, mit jedem Schüler, in jeder Schule. Langfristig bundesweit. Das Internet ist dabei ein wesentliches Fundament. Politik als Dienstleistung.

Dem Verein geht es um den Vorschlag, der beispielsweise beim Bundespresseamt umgesetzt werden könnte.

Unterstellt als eigenständige Organisationseinheit bedarf es neben der technisch infrastrukturellen Ausstattung vor allem ausgebildeter Politologen/innen, Soziologen/innen, Publizisten/innen und Pädagogen/innen, die das personelle Fundament bilden. Diese Informationseinrichtung bildet eine organisatorische Schnittstelle zwischen Jugend und Politik.

Unter Anwendung verschiedener Stundenkonzepte werden im Unterricht konkrete Fragen an PolitikerInnen entwickelt (Beispiel: Herr Bundeskanzler: Warum....?). Im Schwerpunkt bundespolitische Themen. Einmal pro Schuljahr in einer Schulstunde. Die Informationseinrichtung gibt dann diese Fragen mit möglichen Antwortalternativen an die für die Beantwortung Zuständigen der verschiedenen politischen Einrichtungen weiter. Auf diese Weise entsteht eine Art "Antwortendatenbank", die ständig aktualisiert und erweitert wird, so dass daraus immer wieder individuell ausgearbeitete Antworten auf die Fragen der Jugendlichen gegeben werden können.

Unsere Erfahrungen zeigten, dass die Fragen der Jugendlichen bestimmte Schwerpunkte haben und sich wiederholen. Für die Informationseinrichtung bedeutet dies eine organisatorische Erleichertung.

Im Internet wird ein Forum geschaffen, wo aktuell politische Themen und Problematiken aufbereitet werden. Chatforen, wo Jugendliche miteinander kommunizieren können gehören ebenso dazu wie wöchentliche Live-Chats mit Politikern.

Es wäre naiv zu glauben, dass mit der Informationseinrichtung „politik@school“ eine politisch und gesellschaftlich engagierte Jugend entsteht. Diese Entwicklung wird durch weitaus größere Alltagsprobleme, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit und damit verbundener fehlender Zukunftsperspektive überlagert, dass laut der 12. Jugend-Shell-Studie als größtes Problem der Jugendlichen wahrgenommen wird.

"politik@school" kann aber einen qualitativen Beitrag leisten, dass Politik von der Jugend bewusster und transparenter wahrgenommen werden kann und langfristig Vorurteile gegenüber der Politik abgebaut werden können.

Wie nie zuvor haben sich die Vorurteile gegenüber der Politik bestätigt. Die Eindrücke Jugendlicher in der Jugend Shell-Studie von 1997 sind dafür nur ein Beispiel. Den Schaden trägt die Politik insgesamt. Ein Werteschaden und ein Moralschaden, dessen Auswirkungen nicht abzusehen sind.

„politik@school“ ist nur ein Stück des Puzzles, um die Anziehungskraft unserer demokratischen Lebensform zu stärken. Wir denken, dass Kommunikation ein sehr sinnvoller Beitrag ist, die Distanz zwischen Jugend und Politik zu verringern. Politik kann mit dieser Einrichtung den Jugendlichen ein Stück näher kommen.

In der Wochenzeitung „Der Spiegel“ in der Ausgabe 10/2000 wurde auf den rückständigen Internetauftritt der Bundesregierung hingewiesen. Mit ein Grund für diesen Zustand sind u.a. die internen Organistionsstrukturen sowie die mitunter mangelnde Bereitschaft der Mitarbeiter für das neue Medium.

„politik@school“ ist eine eigenständige Organisationseinheit, die weitestgehend unabhängig agieren kann. Darin liegt die Chance, die von den politisch Verantwortlichen wahrgenommen werden sollte. Für diesen Vorschlag werden wir verschiedene PolitikerInnen anschreiben und um eine Antwort bitten.

Wir stehen zur Verfügung, um die Art des Organisationsablaufes sowie die technischen und personellen Voraussetzungen zu erläutern. Denn mit der Antwort, dass es nicht möglich ist, eine solche Einrichtung aufzubauen, wird sich der Verein nicht zufrieden geben.

Wir wollen wissen, ob die politisch Verantwortlichen auch Mut für die Zukunft haben oder nur „Zukunft braucht Mut“ schreiben. Wir wollen wissen, ob der Ansatz und die Chance, mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit in das politische Geschehen für die jüngere Generation hineinzutragen, wahrgenommen wird.

Der Kumulus e.V. selbst hat sich 1998 gegründet. Das freiwillige Engagement der zurzeit 26 Mitglieder soll den Willen von Jüngeren zum Ausdruck bringen, nicht nur über gesellschaftspolitische und kulturelle Probleme kritisch zu reflektieren, sondern den Worten mit eigenen Aktionen Taten folgen zu lassen.

Ein weiteres Beispiel des Engagements ist das Projekt „juniorwahl“ das erstmals zur jetzigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen (NRW) angeboten wurde. Dabei werden alle Schulen des Landes in NRW zu einer symbolischen Landtagswahl aufgefordert. Dort geht es um das Üben von Demokratie.

Bemühungen des Vereins, eine Schirmherrschaft durch das Bildungsministerium oder die Staatskanzlei in NRW zu erhalten, wurden abgelehnt. Absichten des Landtagspräsidenten blieben leider auch ohne Taten. Nach Schleswig-Holstein, wo unsere Anfragen bei politisch Verantwortlichen ignoriert wurden, beweist sich für uns wieder, dass das Problem nicht die Politikverdrossenheit der Jugend, sondern die Jugendverdrossenheit der Politik ist.